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Ludwig Marchesi (GND 116760079)


Daten
Nachname Marchesi
Vorname Ludwig
GND 116760079
( DNB )
Wirkungsgebiet Kunst


BSB Ludwig Marchesi in der BSB

Marchesi, (Ludwig), genannt Marchesini, der berühmteste Sopranist, geboren 1755 zu Mailand, wo sein Vater Stadttrompeter gewesen, ließ sich schon als Kind auf dem Waldhorne, worinn ihm der Vater Unterricht gab, mit großem Beifalle vor dem Publikum hören. Da mehrere Künstler des Kindes vortreffliche Anlagen zur Musik bemerkten, so riethen sie dem Vater dasselbe zum Sänger zu bilden, und sein Vater befolgte den Rath, gieng mit dem Sohne nach Bergamo, und ließ ihn dort durch eine Operation[1] der Göttinn des Gesanges weihen. Nun nahm ihn der dortige Kapellmeister Fiorini in die Lehre, und unterrichtete ihn mit dem Sopranisten Caironi, und Tenoristen Albujco, und der junge Marchesi machte in Bälde solche Fortschritte in der Singkunst, daß er unter die Alumnen der dortigen Kathedral-Kirche aufgenommen wurde. Indessen war doch Marchesi das nicht Italien, was er seyn sollte. Burney hörte ihn 1775 in der Kirche zu Mailand singen, und er gestehet offenherzig, daß er ihm nicht gefiel. Seine vorzügliche Bildung -was auch sein Biograph versichert, -- erhielt er also in Baiern. Er kam nämlich 1775 in die Dienste des Churfürstens nach München, und zwar auf sechs Jahre. In dieser Stadt hörte er bei Hofe vortreffliche Sänger, und hatte Gelegenheit sowohl in großen Opern aufzutreten, als auch in Konzerten und in der Kirche öfters zu singen, auch pflog er einen vertrauten Umgang mit dem Kapellmeister Bernasconi, der ihm besonders in Recitativen manche Notizen und Aufschlüsse gab, auch ihm sonst in der Komposition hier und da unterrichtete. Diese Uebung kam ihm vortrefflich zu statten, und er benützte Zeit und Gelegenheit sich auszubilden, zu vervollkommnen. Da Baierns Churfürst Maximilian III. zu Ende des Jahres 1777 starb, so entließ ihn Dessen Thronfolger, und Marchesi kam nach Verfluß von zwei Jahren in seine Vaterstadt zurücke. Als er dort in einer Frauenzimmer-Rolle zum ersten Mal das Opern-Theater betrat, staunten die Italiener über seinen schönen Gesang, verwunderten sich über sein gutes Spiel, und konnten kaum fassen, wie er in so kurzer Zeit ein solch vortrefflicher Sänger und Schauspieler geworden wäre. In der nächsten Oper trat er daher schon als erster Sopranist auf, und i. J. 1779 sang er zu Florenz in den Opern: Castore e Polluce, mit Musik vom Kapellmeister Bianchi, dann: Achille in Sciro, vom Kapellmeister Sarti. Das in der letzten Oper vorgekommene Rondo: Mia Speranza, io pur vorrei, gründete auf immer seinen Ruhm. Dieses Rondo sang er so vortrefflich, und varirte dieses bei jeder Vorstellung so künstlich, daß die Florentiner im größten Enthusiasmus überlaut riefen: Questa è Musica dell’ altro mondo! Im Jahre 1780 übernahm er zu Mailand, nach dem Wunsche aller Künstler und Kunstkenner, die erste Rolle in der Oper: Armida, mit Musik von Misliwececk. Diese Opern-Musik hatte das Unglück zu mißfallen[2], und Sänger und Sängerinnen waren gezwungen Arien von fremden Kapellmeistern einzulegen. Marchesi legte das angeführte Rondo von Sarti, und ein Tempo di Menuetto von Bianchi: Se piangi, e peni etc. ein. Diese beiden Arien, dann die Bravour-Arie des Misliwececk erhielten allgemeinen, ungetheilten Beifall, jedermann war entzückt über den göttlichen Gesang, und jede Kehle versuchte das beliebte Rondo dem Marchesi nachzusingen.

Im Jahre 1782 sang er in der Oper: Olimpiade, mit Musik von Bianchi, worinn er aber nicht so sehr, als in der: Ezio, mit Musik von Alessandri, die noch in eben diesem Jahre gegeben wurde, gefiel. Um seiner Kunst Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, und den grossen Sänger zu belohnen, ließ die Akademie zu Mailand eine silberne Denkmünze mit seinem Bruststücke prägen. Aber noch in eben diesem Jahre erhielt er einen Ruf nach Turin, wo ihm der König 1000 Dukaten jährlichen Gehalt anbieten ließ. Er kam, sang, und bezauberte den König und den anwesenden Großfürsten von Rußland dergestalt, daß ihm dieser einen jährlichen Gehalt von 5000 Dukaten zusicherte, wenn er nach Petersburg gehen würde. Da er nach Rußland zu gehen keine Neigung hatte, ernannte ihn Sardiniens König zu seinem Hofsänger, sprach ihm einen Jahrsgehalt von 172 Dukaten aus, und bewilligte ihm zugleich, daß er neun Monate im Jahre reisen dürfe.

Im Karneval des Jahres 1783 sang er zu Rom mit einem Gehalte von 1000 Dukaten, hielt sich dann den Sommer über in Lucca auf, und begab sich im Herbste nach Florenz, wo er ebenfalls in der Oper auftrat. Aber nun reiste er 1785 nach Wien, sang am dortigen Kaiserhofe, und erwarb sich Ehre, Ruhm und Beifall. Für sechs Vorstellungen bezahlte ihm der Kaiser 6000 Dukaten. Und nun unternahm er in Gesellschaft des Sarti, und der großen Sängerinn Todi eine Reise nach St. Petersburg. In dieser Kaiserstadt wurde im Hornung 1786 die Oper: Armida, mit Musik des Sarti aufgeführt. Diese drei Künstler erregten ungetheilten Beifall, allgemeine Bewunderung, und vom Kaiser Geschenke, die 15000 Rubeln am Werthe betrugen. Marchesi erhielt noch besonders eine goldene Dose. Von Petersburg gieng Marchesi nach Berlin, und sang dort den 9. März 1787 zum ersten Male am Hofe des Königs mit eben dem Beifalle, der ihm noch überall ward, und der ihm auch zu London, wo er 1788 in der Oper auftrat, nicht versagt wurde. Dieses großen Künstlers Stimme ist vollkommen rein, und schallt hell gleich einem Silberklange. Ihr Umfang ist vom ungestrichenen G bis zum gestrichenen D. Im Vortrage der Passagen, und im sogenannien Hammerschlage (il marteletto) wird ihm allgemein der Vorzug vor dem Farinelli zugestanden. Die Italiener pflegen sich über ihn auf folgende Art auszudrücken: Fa scórdare di tutti, Aprile, Manzuoli, Guarducci, Millico; e tutti gli altri sono un Zero, un niente in comprazione con questo Soprano Karl Friedrich Cramer’s Magazin der Musik. Jahrg. 2. S. 559--568.


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Fußnoten

  1. Unter allen Einrichtungen, welche in europäischen Ländern durch die neue Musikart veranlaßt worden, ist keine -- sagt Forkel in seiner allgemeinen Geschichte der Musik B. II. §. 55. S. 708. -- empörender und auffallender, als die der Castration junger Knaben, um derselben Stimmen theils zu verschönern, theils dauerhaft zu machen. Ihr Ursprung ist sehr alt. Ammianus Marcellinus L. 14. c 6. nennt die Königinn Semiramis als die erste, welche eine so grausame, die Menschheit beleidigende Operation eingeführt hat; allein der Orient hat die Knaben nicht wegen ihres Gesanges, sondern um sie als Keuschheitswächter und Diener ihrer Eifersucht gebrauchen zu können, kastrirt. Italien hat erst diesen Gebrauch des Gesanges wegen ungefähr im sechszehnten Jahrhundert eingeführt, und vorzüglich aus dem Grunde, weil der Cölibat des dortigen Clerus uicht zugab, Weiber und Mädchen auf den Musik-Chören singen zu lassen. Rousseau in seinem Dictionnaire de Musique liebt den Gesang der Castraten gar nicht. Ces hommes, qui chantent si bien, mais sans chaleur et sans passions etc. Nun kömmt diese barbarische Operation im civilisirten Europa, um so mehr ausser Mode, weil man verschnittene Menschen oder Sänger bei den Kapellen der Höfe nicht mehr anstellt.
  2. Joseph Misliweczeck, ein Müllers Sohn, aus einem Dorfe unweit Prag den 9. März 1737 gebürtig, und Schüler des Kapellmeisters Pescetti von Venedig. Dieser Mann, der sich durch seine in Neapel aufgeführten Opern: Bellerofonte; und Olimpiade 1778, dann andere Musikstücke (er schrieb über dreissig Opern, eine Menge Oratorien, Konzerte, Simphonien etc.) in Deutschland und Italien einen großen Ruhm gegründet hatte, kränkte sich über dieses Unglück so sehr, daß er zu Rom am 4. Febr. 1781 gestorben ist. Lebensbeschreibungen böhmischer und mährischer Gelehrten. In München wurden von seiner Komposition 1777 die Oper: Ezio, dann in eben diesem Jahre drei Oratorien: La Passione, Il Tobias, und Isaaks Tod gegeben.