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Johann Tennhart (GND 119291312)


Daten
Nachname Tennhart
Vorname Johann
GND 119291312
( DNB )
Wirkungsgebiet Religion


BSB Johann Tennhart in der BSB

TENNHART (Johann) Bürger zu Nürnberg. Da dieser Schwärmer nirgends, als in Nürnberg ansäßig war, obwohl er nicht daselbst starb, gehört er hierher. Er war eines Bauern Sohn, und am 2. Junius 1661 zu Dobergast, einem Dörflein zwischen Hohenmölsen und Pegau in Sachsen, gebohren. Von seiner Kindheit an hatte er Visionen, und sein ganzes Leben hindurch predigte und schrieb er von Inspirationen und Geistererscheinungen. Als er noch nicht volle zehen Jahre alt war, erschien ihm, wie er in seinen Schriften versichert, der Teufel, mit grimmigem und feurigem Angesicht, und als ein grosser, in einen gelben, mit schwarzen Bändern zugeschnürten, Koller gekleideter Mann. Später erschien ihm, seinem Vorgeben nach, die heilige Dreifaltigkeit in Gestalt dreyer Männer von gleicher Grösse und Kleidung; aber, da er sie betrachtete, fiel er in Ohnmacht, und das Gesicht verschwand. Da er sechszehen Jahre alt war, kam er 1678 auf die Schule zu Zeitz, blieb aber nicht lange da, sondern erlernte zu Weissenfels die Barbierkunst und das Perückenmachen, und widmete sich für sein ganzes Leben diesem Gewerbe. Er studirte neben Luther’s, Melanchton’s, Tauler’s, und Arnd’s Schriften, auch jene des heil. Augustin, Hieronymus, Athanasius, und anderer Kirchenväter, las fleißig den Thomas von Kempis, und täglich in der Bibel. Nachdem er einige Zeit in Augsburg als Barbiergeselle gedient hatte, kam er nach Nürnberg, wo er das Bürgerrecht, dann eine Barbier- und Friseursgerechtigkeit erhielt, und 1691 eine reiche Heurath machte. Er besaß ein schönes Haus, ein einträgliches Gewerb, und ein Vermögen von mehr als zwanzigtausend Gulden. Im J. 1695 starben sein Weib, und eines seiner drey Kinder, und durch Unglücksfälle verlor er viel Geld. Auch kamen schmerzhafte Krankheiten über ihn. Da faßte er den Entschluß, sich von den zeitlichen Dingen los zu machen, und dem innern Christenthume zu widmen. Allein er griff die Sache keineswegs nach einer Gott gefälligen Ordnung, sondern ganz verkehrt, nach seinem Eigendünkel, und einer eraltirten Phantasie an, welche bald in eine Art von Wahnsinn übergieng. In der Nacht des 27. Oktobers 1704 sprach Gott, wie er behauptete, unmittelbar zu ihm, und übertrug ihm das Amt eines Berufenen und eines Propheten, der allen Fürsten und Ständen des Christenthums, besonders der Geistlichkeit, die Wahrheit, und ihren Verfall predigen sollte. Von dieser Zeit nannte und unterzeichnete er sich als Cancelist des grossen Gottes. Er meldet auch in seinen Büchern, wie er oft zur Winterszeit bey grosser Kälte um Mitternacht vom Geiste geweckt worden, dann habe sogleich aufstehen und schreiben müssen, was ihm innerlich diktirt wurde. Am 20. Februar 1709 übergab er dem Magistrat zu Nürnberg einen Traktat, voll von fanatischen Irrthümern, und Angriffen auf die Nürnbergischen Prediger, mit Ermahnungen zur Bekehrung. Allein die Folge seiner Eingabe war nicht diese Bekehrung, sondern daß Tennhart gefangen auf den Wasserthurm gesetzt ward. So bald er wieder frey war, trieb er seinen vermeyntlichen unmittelbaren himmlischen Beruf mit noch grösserem Lärmen, und saß dafür vom 1. Dezember 1714 bis zum 12. Februar 1715 abermahls gefangen. Im J. 1717 kam er zum drittenmal für mehrere Monathe in schweren Arrest. Nach seiner Entlassung begab er sich nach Frankfurt am Mayn, wo er über 2 Jahre zubrachte, und dann zu Fuß verschiedene Reisen machte, um überall seine vermeynten, unmittelbar von Gott erhaltenen, Eingebungen zu verkünden, und seine Schriften zu verbreiten. Die immerwährende Ueberspannung und Hitze seiner Phantasie und seiner Empfindungen, der stete Mangel an äusserer und innerer Ruhe, seine strenge Lebensart, bey der er sich kaum nothdürftige Nahrung erlaubte, und die vielen, zu abmattenden Fußwanderungen zu jeder Jahreszeit, zogen ihm eine Abzehrung zu, an welcher der unglückliche, des Mitleids würdige, Mann zu Cassel, wo er nur durchreisen wollte, den 12. September 1720 im Gasthofe starb. Tennhart ist als ein, an sich redlicher Mensch zu betrachten, der Andere nur deswegen täuschte, weil er sich selbst mit seiner Imagination betrog. Er lehrte die größten Irrthümer, die er für göttliche Wahrheiten hielt, verwarf die Kindertaufe, die Sonntagsfeyer, lästerte das Predigtamt, und war wider den Ehestand sehr eingenohmen. Das Perückentragen, und manche andere dergleichen gleichgültige Dinge, erklärte er für sündhaft. Indessen enthalten doch seine Schriften auch manche Wahrheit, zeigen eine tiefe Einsicht in das moralische Verderben der Menschen und Christen, und seine dringende Ermahnungen zum Besserwerden verdienen noch Heut zu Tage Berücksichtigung. Er hatte viele Gegner und Feinde, aber auch manche Anhänger und eifrige Vertheidiger. Seine Schriften:

Vergl. Will’s u. Nopitsch Nürnberg. Gel. Lexikon B. IV S. 11--14. u. B. VIII. S. 323. Jöcher’s Gel. Lexikon B. IV. S. 1054. Walch’s Religionsstreitigkeiten der Luther. Kirche B. II. S 810. Hirsching’s Handbuch fortges. von Ernesti B. XIV. Abth. 1. S. 155--165. Nachrichten unschuldige, Wittenb. 1726. S. 133. Anonymi Alethophili (M. Gotther) Schriftmäßiges Judicium theologicum von Joh. Tennhart’s an alle hohe u. niedere Potentien im Römischen Reich gesammten sonderbaren Buche, 1711. Gedanken einfältige und aufrichtige über des neuen, von sich selbst entstandenen, Propheten Joh. Tennhart’s Schriften. 8. Basel 1712. Joh. Tennhart, der entlarvte Heuchler, von Joh. Conr. Scheurer. 1712. J. C. Scheurer’s irrige Lehrsätze, welche er in Widerlegung J. Tennhart’s an den Tag gegeben, extrahirt von einem Liebhaber der Wahrheit, u. zur Rettung der Ehre Gottes zum Druck befördert. 1713. Tob. Eisleri apologia Tennhartiana, oder kurzgefaßte Beantwortung der, wider die Tennhartischen Schriften, gemachten Scrupel u. Einwürfe. 1724. Versuchungsstunde über die evangelische Kirche durch die neuen selbstlaufenden Propheten. 8. Zürich 1717.

  1. 1. Gott allein soll die Ehre seyn, welcher mir befohlen sein, zu schreiben durch seinen Geist allein, ganz wunderlich zwey Tractätlein, an alle Menschen insgemein; sie mögen Kaiser, Könige, Fürsten, Grafen, Freyherren, Edle, Unedle, Gelehrte, Ungelehrte, Bürger, Bauern, Männer, Weiber, Jünglinge oder Jungfrauen seyn: daß sie sollen Buße thun, und vom Sündenschlaf erwachen, dieweil Gott mit grossem Donner, und Blitz, Hagel u. Krachen der bösen Welt bald, bald, ja bald ein Ende wird machen. Benebst meinem, Joh. Tennhart’s Lebenslauf, aus welchem wird zu sehen seyn, wie lange mir der grosse Gott und Vater, Schöpfer Himmels und der Erden, nachgegangen, ehe ich mich von ihm habe ergreifen lassen; indem Solches geschehen, so habe ich unwürdiger armer sündhafter Mensch, nicht allein bey drey Jahnen her seine angenehme Stimme unmittelbar aus seinem göttlichen Munde gehöret, sondern er hat mir auch auf meine Fragen ganz freundlich geantwortet. u. s. w. 8. Nürnberg 1710. Neue verm. Aufl. 8. ebend. 1711. Wurde in das Französische übersetzt. 4. 1712.
  2. 2. Worte Gottes, oder letzte Warnungs u. Erbarmungsstimme Jesu Christi, auf Befehl der ewigen Liebe geschrieben, an alle Menschen, als Juden, Christen, Türken, und Heiden, wie sie Nahmen haben mögen, daß sie sollen Busse thun, das ist, ihre Sinne ändern, und in die Selbstverläugnung eingehen, wollen sie anders vor Gott bestehen, der nun lässet sein Gericht angehen. 8. Nürnb. 1710. Neue Aufl. eb. 1711. Stehet auch in obiger Schrift.
  3. 3. Extrakt aus Joh. Tennhart’s Schriften. Worte Gottes u. Warnungs u. Erbarmungs Stimme Jesu Christi u. s. w. eb. 1712.
  4. 4. Notwendige, u. von Hn. Johann Conrad Scheurer causirte Erklärung meiner, J. Tennhart’s, auf göttlichen Befehl heraus gegebenen Droh u. Warnungsschriften, mit demütiger Bitte: Wer solche Schriften nicht begreifen oder fassen kann, sie nicht zu lästern, sondern sich lieber des guten Raths Gamalielis zu bedienen, und sie ungerichtet seinem Herrn stehen u. laufen zu lassen. 8. eb. 1712.
  5. 5. Höchst nothwendige u. zur Selenseligkeit sehr nützliche Erklärung etlicher Hauptpunkte, so mir, Joh. Tennhart, aus meinen, der Welt dargelegten, göttlichen Droh u. Warnungsschriften u. Lebenslauf zu erklären vorgelegt wurden, darin sonderlich gezeigt wird: Erstlich das grosse Verberben aller Menschen, u. wie der Satan die sogenannte Christenheit sowohl, als die Heiden, Juden und Türken, u. also nach dem klaren Zeugniß heil. Schrift die ganze bewohnte Welt irre führet. Zweytens: welches der allein selig machende Glaube, u. die allein seligmachende Taufe, u. welche die allein seligmachende Religion unter allen Religionen, u. die allein vor Gott geltende Gerechtigkeit sey. Drittens: wie wir tief verfallene Menschen wieder heilig, gerecht, auserwählt, u. zur neuen Creatur gemacht, u. mit Gott in Christo Jesu vereinigt, u. ewig selig werden können. 8. eb. 1715.
  6. 6. Fernere nöthige, u. zur Selenseligkeit sehr nützliche zweite Erklärung der allerbedenklichsten u. anstößigsten Punkte und Redensarten, so von einer mir unbenannten Person, oder geschäftigen Martha, aus meinen Johann Tennhart’s, ersten Schriften, theils als ärgerliche und anstößige, u. theils als lästerliche u. wider die heil. Schrift, und wider einander seyende Dinge, ausgezogen u. bezeichnet, mir aber auf mein Begehren von einer andern liebwerthen u. gelehrten Person, solche zu prüfen, und in meinem Herzen vor Gott zu erwägen, übergeben worden. 8. eb. 1717.
  7. 7. Nützliche u. höchst nöthige Warnung wegen des unnöthigen Separirens von Kirche u. Abendmahl; an die sogenannten Separatisten, und andere erweckte Selen, zu reifer Ueberlegung u. herzlicher Erwägung aufgesetzt u. dargelegt. 8. eb. 1718.
  8. 8. Heilsame, u. der Zeit höchst nothwendige, Warnungen zur Busse oder Sinnesänderung, Selbstverläugnung, und einem heiligen, gerechten u. gottseligen Leben u. Wandel; aus Joh. Tennhart’s erbaulichen Schriften extrahiret, und zum gemeinen Nutz durch den Druck mitgetheilt, von einem um den Schaden Josephs herzlich Bekümmerten. 8. 1720.
  9. 9. Drey erbauliche Briefe Johann Tennhart’s, die er bald nach seiner Bekehrung und Erleuchtung an seine Anverwandte nach Sachsen geschrieben; anjetzo zum Druck befördert (von Tobias Eisler). 8. 1730.
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