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Georg Joseph Vogler (GND 118627546)


Daten
Nachname Vogler
Vorname Georg Joseph
GND 118627546
( DNB )
Wirkungsgebiet Kunst


BSB Georg Joseph Vogler in der BSB

Vogler, (Georg Joseph), Päbstlicher Erzzeuge, Ritter des goldenen Sporns, und Kammerer des Päbstlichen Pallastes, dann churbaierischer geistlicher Rath, Hofkaplan, und erster Kapellmeister, in der Folge Königl. schwedischer Kapellmeister, Mitglied der arkadischen Gesellschaft in Rom, und der K. baier. Akademie der Wissenschaften in München, wurde zu Würzburg den 15. Jun. 1749, wo er studirte, geboren, und kam dann nach Mannheim, wo er den Grund im Seminar zur Tonkunst legte. Er begab sich hierauf nach Padua, und studirte dort bei dem berühmten Pater Valotti[1] den Contrapunkt. Im Jahre 1776 kehrte er nach Mannheim zurücke, und errichtete daselbst eine Tonschule, hielt auch öffentliche Vorlesungen über Musik, und bildete hierinn manchen guten Künstler. Zum Behufe seiner Vorlesungen gab er ein Werk: die Tonschule, heraus, die aber wegen Mangel an Deutlichkeit keinen Beifall im Auslande fand, daher zu derselben Zeit Vogler nur in Mannheim glänzte. Endlich trat er als Organist, als Klavierspieler, und auch als Komponist auf. Nun erst verbreitete sich sein Ruhm, man bewunderte ihn allgemein als Künstler, und rühmte unter andern vortrefflichen Eigenschaften vorzüglich, daß er die Orgel und das Klavier nach ihrer Natur am beßten zu behandeln verstände. In seinem Werke über die Tonkunst zeigte er sich als einen Pedanten, indem er, um schulgerecht zu seyn, zu sehr einem steifen musikalischen Systeme huldigte; allein in seinen praktischen Arbeiten, so wie in seinen übrigen Schriften verließ er dieses System selbst, berechnete nur den musikalischen Effekt, sah vorzüglich auf Wohlklang, richtige Darstellung des überströmenden Gefühls, und einer wahren Empfindung, verband Melodie mit einer gehaltvollen Harmonie, und gefiel ausnehmend. Da er nun seinen Ruf hierdurch gegründet sah, unternahm er Reisen, und durchwanderte ganz Deutschland, Frankreich, Holland, Dänemark, Schweden, Italien und Engeland. Sein Spiel auf der Orgel gefiel überall, und verrieth, wo er hingekommen war, den grossen Meister auf diesem, die ganze Musik umfassenden Instrumente. Er führte, wenn er auf einer Orgel spielte, nicht nur allein ein Thema durch alle Tonarten, und selbst in einer Fuge aus, veränderte dasselbe in verschiedene Täkte, oder Zeitmaße, phantasirte nicht nur, sondern stellte in seinen Phantasien Bilder auf, worinn er mit Tönen, wie mit Farben malte. Er schilderte z. B. das Erdbeben, das Ungewitter, den Sturz der Mauern von Jericho u. s. w. mit einem Ausdrucke, einer Wahrheit, einem Feuer etc. die jeden Zuhörer in Erstaunen setzten, und zu gleicher Begeisterung hinrissen. Er verbesserte auf seinen Reisen mehrere Orgeln, versah dieselbe mit mehreren Manualen, brachte durch einen neuen Mechanismus in denselben das crescendo und diminuendo, und selbst die Bebung eines Klavierakkordes u. s. w. an, und erwarb sich durch diese Erfindung großen Ruhm. Nach dieser Methode veränderte er die Orgel im Pantheon zu London, und zu Amsterdam eine, der er den Namen Orchestrion, weil hierinn alle Instrumenten eines wohlbesetzten Orchesters vereint wären, gab. In öffentlichen Blättern wird von dieser Orgel versichert: sie habe 4 Manuale, 63 Tasten, 39 Pedale, habe keine Gesichtspfeifen, enthalte Feinheiten der Harmonika ganz ähnlich, habe eine vortreffliche Temperatur, und wäre überhaupt das non plus vltra von Orgelbaukunst.

Da aber jede neue Entdeckung, Erfindung, und jeder Mann von Kunst oder Talent auch seine Gegenparthei hat, und seine Tadler findet; so wird auf der andern Seite über dieses Werk wieder sehr gelästert, man behauptet, dieses Orchestrion seye lang das nicht, für was man dasselbe ausschreiet, der Mechanismus seye zu komplicirt, die Orgel bringe nicht die versprochene Wirkung hervor, und wäre für ein Orchester lange nicht so brauchbar, als eine gewöhnliche gute Kirchen-Orgel. Die vielen Lobreden, womit man alle Zeitungen anfüllte, wären zum Theil aus Vogler’s Feder selbst geflossen, und durch solche Kunstgriffe habe er seinen Orgelwerken einen Ruf beigelegt, den sie nicht in dem angeführten Grade verdienen, und ihnen Vortrefflichkeit und Eigenschaften angedichtet, die sie nicht alle haben, und die ihnen kein unpartheyischer Kenner, kein Organist und Orgelbauer so ausgezeichnet zugestehen werde. Vogler’s Freunde behaupten dagegen, dieser Künstler habe solchen Organisten zwar Scanderbeg’s Schwert, aber nicht seinen Arm verliehen. Nachdem Abt Vogler von 1780 bis 1805 fast ununterbrochen seine Reisen fortgesetzt, und sich überall durch sein vortreffliches einziges Orgelspielen, seine tiefe Einsicht in Musik, und seine sehr schöne Kompositionen ausserordentlichen Beifall, Ruhm und Ehre erworben hatte, kam er in letztgenannten Jahre 1805 nach München. Hier wiederfuhr ihm die ausgezeichnete Ehre, daß seine ehemals für diesen Hof komponirte, und 1786 und 1787 mit ausserordentlichem Beifalle aufgeführte große heroische Oper: Castore e Polluce, in Gegenwart des Kaisers der Franzosen, und Königs von Italien Napoleon, dann des Königl. baier. Hofes, bei Gelegenheit der feierlichen Vermählung der Königl. baierischen Prinzessinn Augusta mit dem Vize-Könige von Italien, Eugen Napoleon, den 15. Jäner 1806 auf dem Königl. Hoftheater zu München gegeben wurde.

In eben dieser Stadt hat er auch nach seinem sogenannten Simplifikation-Systeme[2] in der Pfarrkirche zum heil. Peter eine Orgel erbauet, welche der berühmte Orgelmacher Frosch verfertiget und gesetzt hat. In dieser Orgel folgen die Pfeifen in der Ordnung aufeinander, wie die Tasten auf der Claviatnr liegen, und die Baßpfeifen, welche der Stärke des Windes am meisten bedürfen, sind den Schnautzen der Blasbälge am nächsten gesetzt. Münchener Intelligenzblatt. Jahrgang 1806. St. XVI. S. 252. E. L. Gerber’s hist. biograph. Lexikon der Tonkünstler. (Leipz. 1792.) Th. II. S. 743--746. Der Fürstl. Schwarzenburg-Rudolstädt. Kammermusikus, Heinrich Christoph Koch rühmt in seinem musikalischen Lexikon (Frankf. am Main 1802.) S. 1118 sehr den verbesserten Orgelbau dieses großen Tonkünstlers. Seit einigen Jahren -- schreibt er -- hat sich der Abt Vogler um die Verbesserung der Orgel sehr verdient gemacht, und ein Simplifikations-System erfunden, wodurch man in den Stand gesetzt wird, bei dem Baue eines neuen Werkes den Kostenaufwand um ein Drittel zu ersparen, und dennoch Wirkungen hervorzubringen, die man vorher nicht kannte.

Es seye hier erlaubt, als Episode, um einiges über Vogler’s Oper, Castore e Polluce, zu bemerken, indem diese Musik ein Meisterstück seiner Tonsetzkunst ist und bleibt. Die Ouvertüre, eine kriegerische Simphonie, ist ganz Gemälde der Schlacht mit einem Feuer, einem Pathos, einer Lebhaftigkeit entworfen, die dahinreißt. Die Märsche der Griechen sind ganz dem Ideale dieser Nation ähnlich, voll großer schöner Harmonien. Das schwebende der Schatten, ihre Seeligkeit, ihre Seelenruhe in Elysium, malt die Musik natürlich und schön, und man darf behaupten, daß Vogler. in dieser Art Musik, so wie in seinem Furien-Chor einzig seye und bleibe. Ihm war es vorbehalten, hierinn ganz neu und originäl zu seyn, und das Wahre zuerst ergriffen, und mit Wirkung dargestellt zu haben. Was man seither von Musiken dieser Art hörte, sind nur Nachahmungen, und schwerlich dürfte hierinn ein Tonsetzer dem Vogler gleichkommen, noch weniger an Kraft, Fülle, Ausdruck und Originalität ihn erreichen. Man muß diese ausnehmend schöne Opern-Musik gehört haben, oder noch hören, um sich von ihrer Vortrefflichkeit eine Idee zu machen. Keine Note ist hierinn ohne gründliche Ueberlegung geschrieben, und jeder Laut eines Instrumentes verräth, daß der große Vogler desselben momentanen Effekt überdacht, und sicher berechnet habe.

Von seinen theoretischen Werken werden hier aufgeführt: a) Tonwissenschaft und Tonsetzkunst. (Mannheim 1779.) b) Stimbildungskunst. (Mannh. 1776.) c) Betrachtung der Mannheimer Tonschule, eine musikalische Monatschrift von drei Jahrgängen. d) Verschiedene kleine Aufsätze in den Wetzlarischen Konzert-Anzeigen, vom Jahre 1779 bis 1780. e) Antwort auf verschiedene Fragen, sein System betreffend. S. Musikalische Korrespondenz. Jahrg. 1790. Nro. 2. u. Nro. 15. S. 113. Allgem. musik. Zeit. Jahrg. 1799. St. XXVI. worinn er seine Erfindung des neuen Orgelbaues, und desselben Vortheile näher entwickelt und deutlich darstellet. Von praktischen Werken: I. Kirchenmusik: a) Paradigma Modorum ecclesiasticorum. b) Ecce Panis, Chorus. c) Deutsche vierstimmige Messe mit der Orgel. d) Suscepit Israel, ein Versett aus dem Pariser Konzert spirituel. e) Vierstimmige Fugen, zu des Pergolesi Stabat-Mater. f) Psalmus Miserere decantandus a 4 vocibus cum Org. et Bassis. S. D. Pio VI. Pontifici compositus. g) Vesperae Chorales. Letztere zwei Werke wurden zu Speier gedruckt, die ersten aber sind gestochen seiner Tonschule beigegeben.

II. Theater-Musik: a) Der Kaufmann von Smyrna, Operette. b) Agnes Bernauer, Operette; beide zu Mannheim aufgeführt. c) Ouvertüre und Zwischenakte zu Shakepear’s Trauerspiel: Hamlet. d) Ino. e) Lampedo, ein Melodrama. f) Castore e Polluce (zu München). g) Die Dorfkirmes (zu Paris). h) Le Patriotisme, eine große Oper.

III. Uebrige Musikstücke, alle gestochen. a) VI. Klavier-Trio. Op. I. b) VI. Leichte Klavier-Sonaten. Op. II. c) VI. Leichte Klavier-Sonaten mit einer Violine. Op. III. d) VI. Sonaten, welche Duetten, Trio, Quartetten etc. von sechs verschiedenen Arten enthalten. Op. IV. e) VI. Klavier-Konzerte. Op. V. f) VI. Klavier-Trio. Op. VI. g) VI. Klavier-Trio. (Paris.) Op. VII. h) VI. leichte Divertissements mit National-Charakteren. (Paris.) Op. VIII. i) Klavier-Konzert von neun Instrumenten begleitet, und vor der Königinn von Frankreich gespielt. (Op. VIII. zu Paris.) CXII. Kleine und leichte Präludien für Klavier und Orgel. Op. IX. k) Eine Sonate für vier Hände. (Paris.) l) XVI. Variationen u. s. w.

Nebstdem existiren von seiner Komposition noch eine Menge Messen, Herr Gott dich loben wir, Psalmen, Konzerte, Simphonien u. dgl. welche alle nicht nur einen geschmackvollen und vortrefflichen klassischen Kompositeur erster Größe, sondern auch einen wahren Gelehrten in der Tonkunst verrathen, den großen Kapellmeister Vogler und seine Originalität deutlich aussprechen, und seinen Namen und Ruhm unsterblich der spätesten Nachwelt erhalten. Dignos laude viros Musa vetat mori.


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Fußnoten

  1. Valotti, (Franz Anton), aus dem Franziskaner-Orden und Kapellmeister an der Kirche zum heil. Anton in Padua, war zu Piemont 1703 geboren. In seiner Jugend gehörte er unter die ersten Orgelspieler, und wurde 1750 als einer der beßten Kompositeurs in Italien angerühmt. Er hat unter andern auch die Begräbniß-Musik für den berühmten Tartini komponirt, auch schrieb er eine Abhandlung über die Modulation, die sehr faßlich verfertiget ist.
  2. Bis jetzt betrachtete man die Orgel, nebst dem Dienste, welchen sie im Kirchengesange leistet, auch gleichsam als ein Meubel zur Verzierung der Kirche. Durch die Symetrie, welche man in diese Verzierung bringen wollte, wurde aber veranlaßt, daß der Hauptzweck, Gesang und Harmonie, nicht selten dadurch erschwert wurde. Diesem suchte nun Abbe Vogler durch sein Simplifikations-System vorzubeugen, wie der 1806 herausgekommene Grundriß der neu zu erbauenden St. Peters Orgel in München ausweist.